Jannis Kounellis
Senza titolo, 1975

„Frammenti di memoria“, Bruchstücke der Erinnerung, liegen auf einem langen Tisch, an dem 1975 der Künstler Jannis Kounellis sass und sich eine Maske vor das Gesicht hielt. Die Maske ist wie die Bruchstücke nach dem Gipsabguss einer antiken Skulptur, vermutlich einem Apollo, entstanden. Sinnbildlich tritt der Künstler mit seiner Aktion an die Stelle des griechischen Gottes der Künste und der Prophezeiung (vergleiche auch Kounellis‘ „Apollo“ von 1973; Hallen-Programm 2/2012). Aus der Maske geht ein zehn Meter langes Band aus echtem dunklen Haar hervor, das sich wie eine Rauchwolke auf der Wand ausbreitet und die Macht des Gottes zu symbolisieren scheint. In der Antike weihten die Jünglinge beim Übergang ins Mannesalter und der damit verbundenen Aufnahme in die Gesellschaft ihr Haar den Göttern und baten damit um künftigen Schutz. In den Haaren wurde eine gesteigerte Lebenskraft vermutet. Auch in Kounellis‘ Werk lässt die physische Wirkung der gewaltigen Haarmähne eine spürbare Kraft entstehen. Als faszinierende und geheimnisvolle Spannung breitet sie sich im Raum aus. Sie erzeugt einen Sog, dem sich die Phantasie der Betrachter kaum entziehen kann.

Die grosse Installation ist ein Hauptwerk des griechischen Künstlers Jannis Kounellis. Geschaffen aus dem Fundus seines mythologischen Formenvokabulars ist hier eine Verbindung von grösster Intensität entstanden – in metaphorische Sprache sind Vergangenheit und Zukunft ineinander verwoben. In Kounellis‘ Gesamtwerk wurde dieses Werk zu einem Ausgangspunkt für weitere Kompositionen mit vielschichtiger Bedeutungsebene. Die Verbindung der aus der Antike entlehnten Bruchstücke mit natürlichem lebendigen Material markiert einen Höhepunkt in einer Werk-Metamorphose, deren Spuren sich bis in Kounellis‘ späte Werke abzeichnen.

Eine Monographie der Raussmüller Collection zu diesem Werk, mit ausführlichem Text und grossformatigen Bildern, ist in Vorbereitung.