Sol LeWitt
Three part drawing, 1978

Raster von ca. 15 cm, das die Wände bedeckt
1. Wand: auf einer roten Wand blaue Linien von jeder Ecke aus zu Rasterpunkten, gelbe Linien vom Zentrum aus zu Rasterpunkten; 2. Wand: auf einer gelben Wand blaue Linien von jeder Ecke aus zu Rasterpunkten, rote Linien vom Mittelpunkt jeder Seite aus zu Rasterpunkten; 3. Wand: auf einer blauen Wand rote Linien vom Mittelpunkt jeder Seite aus zu Rasterpunkten, gelbe Linien vom Zentrum aus zu Rasterpunkten. Die Anzahl der Linien und ihre Länge werden durch den Zeichner bestimmt, aber jede Wand hat die gleiche Anzahl von Linien.

1978 erste Installation: Museum of Modern Art, New York
1983 Hallen für Neue Kunst Schaffhausen; ausgeführt durch Anthony Sansotta, Markus Ammann, Bettina Roost

Wenn Sie den Titel von LeWitts Werk lesen, wissen Sie theoretisch genau, was es zu sehen gibt. Der Titel liefert die Beschreibung der dreiteiligen Wandzeichnung so präzise, dass er zugleich eine Anweisung zu ihrer Her-
stellung ist. Wenn Sie aber das Werk tatsächlich vor sich haben – und mehr noch: wenn Sie sich hinein begeben – setzt die physische Präsenz dieses Farbraums Ihr Interesse an seinem Konstruktionsprinzip erst einmal ausser Kraft. Dann finden Sie sich von einem Feuerwerk umgeben, das direkt auf Ihre Sinne wirkt. Sie sind in einem Aktionsfeld, dessen Dynamik aus der Beschreibung der rot-gelb-blauen Wände nicht zu erahnen ist.

Dieser Aspekt ist vor dem Hintergrund der Kunstentwicklung von besonderer Bedeutung. Sol LeWitt, „Vater der Konzeptkunst“, hat Ende der 1960er Jahre einflussreiche Schriften publiziert, in denen er die Idee eines Kunst-
werks als dessen wichtigsten Aspekt bezeichnete. Die Ausführung erklärte er zu einer „rein mechanischen Angelegenheit“. Damit löste er eine Öffnung in der Erscheinungsform von Kunst aus, die zeitweise auch zu ihrer Theoretisierung führte. Doch gerade dieses vitale LeWitt-Werk zeigt, wie sehr es der Realisierung der Idee bedarf, um ihre Qualität zu erfahren. Neu dabei ist, dass die Umsetzung unabhängig von der Eigenhändigkeit des Künstlers ist und auf der Basis seines klar formulierten Konzepts auch anderen übertragen werden kann. Die Herstellung des Kunstwerks wird so zu einem kollektiven Prozess, der über Generationen lebendig bleibt.