Jannis Kounellis
Senza titolo, 1973

1973, in einer Epoche des Aufbegehrens gegen heuchlerische Werte und reaktionäre Systeme, stellt Kounellis ein suggestives „Stillleben“ mit Elementen der Antike in den Raum. Es ist die Blütezeit der Konzeptkunst, in der viele Künstler danach streben, sich durch einen „Ausstieg aus dem Bild“ von tradierten Vorstellungen zu befreien, um in Kunst und Gesellschaft eine Erneuerung herbeizuführen.

Auch Kounellis versteht sich als Rebell – nicht jedoch als Bilderstürmer. Im Gegenteil: Gleichermassen kritisch wie poetisch, schafft er aus Fragmenten der Kulturgeschichte reale neue Bilder. Sein Appell an die Gesellschaft ist nicht der Bruch mit der Vergangenheit, sondern der Hinweis auf die tiefen Wahrheiten der Mythen, ohne deren Bewusstsein kollektive Entwicklung nicht denkbar ist. In der Wahrnehmung der Geschichte liegt für ihn ein Schlüssel für das Erkennen der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft.

Das Werk ohne Titel, der sogenannte „Apollo“, ist ein Hauptwerk von Kounellis – und, darüber hinaus, einer Erkenntnis schaffenden Kunstauffassung. Ursprünglich war das „Bild“ mit einer Performance verbunden: Hinter den Bruchstücken der antiken Statue sass der Künstler und hielt sich die „Apollo“-Maske vor das Gesicht, während ein Flötist eine Mozart-Melodie spielte. Wenig später gab Kounellis dem Werk einen anderen Ton, färbte die Gipsstücke sonnengelb und liess, unter dem Einfluss von Brecht, auf dem Cello Weill erklingen.

Der Künstler tritt hier als Kreator in Erscheinung. Mit seiner schöpferischen Fähigkeit partizipiert er an der Gestaltung der Welt. Vor ihm liegt – metaphorisch – ein kulturelles Vermächtnis, das es neu zu beleben gilt. Ihm zur Seite steht, als Attribut des Sonnen- und Musengotts Apoll, der Vogel, der die Gabe des Sehers hat.