Jannis Kounellis
Senza titolo (metamorfosi), 1984

Das für die neu entstandenen Hallen für Neue Kunst geschaffene Werk führt uns Geschichte buchstäblich als Schichtung vor Augen. Kounellis hat mit Steinen und Brettern aus den Trümmern eines abgebrochenen Schaffhauser Hauses eine Mauer gebaut, die in ganzer Breite die Wand bedeckt, vor der sie steht. Jedes Brett ist in seiner Eigenart ausgewählt und mit den Spuren seiner Benutzung ins Licht gerückt. Doch nicht nur Schaffhausen ist in das Werk eingeflossen. Wie in Rom, wo der Grieche Kounellis lebt, finden sich spolienartig Fragmente in der Mauer: Bruchstücke des Abgusses einer griechischen Statue, die als Apollon gedeutet wird. Auf dem Tisch, der die lose Schichtung mitträgt, liegt die Maske des Musengotts, als würde sie den schöpferischen Künstler vertreten.

Motiviert durch die Transformation der Schaffhauser Textilfabrik in ein Kunstmuseum hat Kounellis den Ort und seine Geschichte in ein grosses Thema eingebunden: die Verwandlung einer Form in eine andere. Es ist, als führe er uns auf eine Bühne, auf der ein kleiner Ausschnitt aus der Weltgeschichte zu erleben ist. Das Besondere dabei ist, dass das Bild, das uns Kounellis präsentiert, nicht fiktiv ist. Jeder Teil davon ist, was er ist; doch wurde die Realität, der wir hier begegnen, vom Künstler mit Poesie beseelt. Die Veränderung nimmt in seinem Werk Gestalt an, und in physischer Verdichtung tritt uns die Überzeugung entgegen, dass nur ein Bewusstsein für die geschichtlichen Zusammenhänge uns in die Lage versetzt, unseren Standpunkt heute zu bestimmen.

„Senza titolo (metamorfosi)“ ist ein Teil einer grösseren Situation in den Hallen für Neue Kunst, in der Kounellis durch die Wahl und Platzierung verschiedener Werke das Spezifische mit dem Grundsätzlichen zu einer umfassenden Aussage zusammengebunden hat.